Pressemitteilungen

Stand 28. Dez. 2001

zurück zum Presseüberblick


Schnelle Tempi und Leichtigkeit überzeugten

Weihnachtsoratorium in St. Cäcilia

Heusenstamm (schu) • Ein Chor müsse aus je drei Sopranisten, Altisten, Tenoristen und Bassisten bestehen, so schrieb Bach seinerzeit an den Leipziger Magistrat, besser aber sei eine Besetzung mit 16 Personen.
Bach-Verehrer späterer Jahrhunderte verfielen ins andere Extrem: nun konnten Chöre nicht bombastisch genug sein. In den letzten Jahrzehnten kehrten Vertreter der historischen Musizierpraxis wieder zum bescheidenen Klangbild des Thomaskantors zurück.
Die Aufführung des Weihnachtsoratoriums in St. Cäcilia ließ erkennen, dass Peter Reulein mit seinem Vocalensemble Liebfrauen einen gesunden Mittelweg einschlug. Kräftig genug besetzt und mit einer für Laienchöre nicht selbstverständlichen Ausgeglichenheit der Frauen- und Männerstimmen, war das Frankfurter Ensemble noch schlank genug, um die abenteuerlichen Sechzehntelketten, die Bach den Vokalisten zumutet, und sein kunstvolles Fugengewebe mit gehöriger Durchsichtigkeit und Geschwindigkeit zur Geltung zu bringen.
Denn Reulein setzte auf schnelle Tempi und Leichtigkeit und betonte den tänzerischen Charakter der Stücke, die ihren weltlichen Ursprung aus Glückwunschkantaten für den sächsischen Hof nicht verhehlen. Gelegentlich allerdings befremdete die Interpretation durch rhythmische Überbetonungen. So wirkte die Arie "Schlafe, mein Liebster" zu schneidig für ein Schlaflied.
Ein Vorzug der Aufführung war die Sorgfalt, die durchweg auf die Textbehandlung gelegt wurde. Auch bei den Chorälen hütete man sich vor zwei Extremen: sie wurden weder mit objektiver Strenge noch romantisierend mit feierlicher Betroffenheit gesungen, sondern zügig, jedoch mit sparsamen, feinen Differenzierungen in Dynamik und Tempo, soweit der Text es erforderte. Eine besondere Steigerung brachten die beiden letzten Choräle der dritten Kantate, in denen die figurierten Unterstimmen markant herausgearbeitet wurden und der Unterbau gewichtiger hervortrat, als es zuvor gelungen war. Vor allem aber war die Textverständlichkeit bei Chor und Solisten vorbildlich.
Das gut geschulte und jugendlich klingende Vocalensemble folgte dem Dirigat des Kirchenmusikers präzise und mit gleichbleibender Präsenz.
Markus Jäckle war ein ruhig, aber ausdrucksvoll gestaltender Evangelist. Sein heller, beweglicher Tenor erreichte die Höhen der Partie mit Leichtigkeit, geriet bei den Rezitativen dort allerdings in Gefahr, belegt zu klingen. Mühelos bewältigte er die koloraturreiche Arie "Frohe Hirten, eilt, ach eilet", ihm zur Seite als exzellenter, einfühlsamer Solist und Begleiter der Flötist Jens Josef. Mit Sensibilität und Überzeugungskraft und mit klarer Stimme, wenngleich ihr in der Höhe noch die Fülle fehlt, sang die Sopranistin Annegret Kleindopf ihre Engelsrolle. Trefflich harmonierte mit ihr im Duett "Herr, dein Mitleid" der Bassist Erhard Brunner, der kurzfristig für den erkrankten Wolfgang Weiß eingesprungen war. Große Sicherheit in Technik, Gestaltung und Verzierungspraxis zeichnete auch die Altistin Tabea Bröcker aus. Doch fehlte es ihrer Interpretation an Wärme. Das Collegium Musicum Liebfrauen war vorzügliche Stütze und glanzvoller Partner der Vokalisten.

Foto: Michael

Auf schnelle Tempi und Leichtigkeit setzt Peter Reulein bei der Führung des Frankfurter Vocalensembles Liebfrauen. Das Konzert in der St. Cäcilia Kirche stieß bei den chorbegeisterten Heusenstammern auf helle Begeisterung.

Mitteilung vom:
erschienen in:

28.12.2001
Offenbach Post


zurück zum Presseüberblick