Heusenstamm (schu) Ein Chor müsse aus je drei Sopranisten, Altisten, Tenoristen
und Bassisten bestehen, so schrieb Bach seinerzeit an den Leipziger Magistrat, besser aber
sei eine Besetzung mit 16 Personen.
Bach-Verehrer späterer Jahrhunderte verfielen ins andere Extrem: nun konnten Chöre nicht
bombastisch genug sein. In den letzten Jahrzehnten kehrten Vertreter der historischen
Musizierpraxis wieder zum bescheidenen Klangbild des Thomaskantors zurück.
Die Aufführung des Weihnachtsoratoriums in St. Cäcilia ließ erkennen, dass Peter
Reulein mit seinem Vocalensemble Liebfrauen einen gesunden Mittelweg einschlug. Kräftig
genug besetzt und mit einer für Laienchöre nicht selbstverständlichen Ausgeglichenheit
der Frauen- und Männerstimmen, war das Frankfurter Ensemble noch schlank genug, um die
abenteuerlichen Sechzehntelketten, die Bach den Vokalisten zumutet, und sein kunstvolles
Fugengewebe mit gehöriger Durchsichtigkeit und Geschwindigkeit zur Geltung zu bringen.
Denn Reulein setzte auf schnelle Tempi und Leichtigkeit und betonte den tänzerischen
Charakter der Stücke, die ihren weltlichen Ursprung aus Glückwunschkantaten für den
sächsischen Hof nicht verhehlen. Gelegentlich allerdings befremdete die Interpretation
durch rhythmische Überbetonungen. So wirkte die Arie "Schlafe, mein Liebster"
zu schneidig für ein Schlaflied.
Ein Vorzug der Aufführung war die Sorgfalt, die durchweg auf die Textbehandlung gelegt
wurde. Auch bei den Chorälen hütete man sich vor zwei Extremen: sie wurden weder mit
objektiver Strenge noch romantisierend mit feierlicher Betroffenheit gesungen, sondern
zügig, jedoch mit sparsamen, feinen Differenzierungen in Dynamik und Tempo, soweit der
Text es erforderte. Eine besondere Steigerung brachten die beiden letzten Choräle der
dritten Kantate, in denen die figurierten Unterstimmen markant herausgearbeitet wurden und
der Unterbau gewichtiger hervortrat, als es zuvor gelungen war. Vor allem aber war die
Textverständlichkeit bei Chor und Solisten vorbildlich.
Das gut geschulte und jugendlich klingende Vocalensemble folgte dem Dirigat des
Kirchenmusikers präzise und mit gleichbleibender Präsenz.
Markus Jäckle war ein ruhig, aber ausdrucksvoll gestaltender Evangelist. Sein heller,
beweglicher Tenor erreichte die Höhen der Partie mit Leichtigkeit, geriet bei den
Rezitativen dort allerdings in Gefahr, belegt zu klingen. Mühelos bewältigte er die
koloraturreiche Arie "Frohe Hirten, eilt, ach eilet", ihm zur Seite als
exzellenter, einfühlsamer Solist und Begleiter der Flötist Jens Josef. Mit Sensibilität
und Überzeugungskraft und mit klarer Stimme, wenngleich ihr in der Höhe noch die Fülle
fehlt, sang die Sopranistin Annegret Kleindopf ihre Engelsrolle. Trefflich harmonierte mit
ihr im Duett "Herr, dein Mitleid" der Bassist Erhard Brunner, der kurzfristig
für den erkrankten Wolfgang Weiß eingesprungen war. Große Sicherheit in Technik,
Gestaltung und Verzierungspraxis zeichnete auch die Altistin Tabea Bröcker aus. Doch
fehlte es ihrer Interpretation an Wärme. Das Collegium Musicum Liebfrauen war
vorzügliche Stütze und glanzvoller Partner der Vokalisten.

Foto: Michael |
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