"Freie Meinungsäußerung nicht gewünscht" |
Heusenstamm (Marcus Reinsch) - Das Online-Forum auf der Internetseite der Heusenstammer
St. Cäcilia-Gemeinde ist seit dem frühen Mittwochabend nicht mehr erreichbar. "Die
Anweisung, dass das unverzüglich zugemacht werden muss", hatte Dekan Johannes
Schmitt-Helfferich, seit dem Rücktritt von Pfarrer Thomas Knedelhans Pfarradministrator
in St. Cäcilia, am Mittag telefonisch an Arnold Senn durchtelefoniert. Senn, der die
nicht alleine bei Gemeindemitgliedern beliebte Seite www.StCaecilia.de aufgebaut hat und
pflegt, informiert die Besucher mittlerweile mit offener Enttäuschung: "Leider
müssen wir Ihnen mitteilen, dass die freie Meinungsäußerung hier nicht weiter
gewünscht ist und das Online-Forum auf Anweisung von Herrn Pfarrer Schmitt-Helfferich und
Herrn Domkapitular Dietmar Giebelmann bis auf Weiteres geschlossen wurde. Wir bedauern
dies sehr."
Im Forum war in den vergangenen Wochen ungewohnt kontrovers, bisweilen sehr emotional
über Gründe und Hintergründe des Weggangs von Pfarrer Thomas Knedelhans diskutiert
worden. Alleine in der Woche nach dem Rücktritt gab es 17 000 Zugriffe auf die Seite.
Und: Die Mischung aus sachlichen Beiträgen, Schuldzuweisungen und vor allem anfänglich
auch Rücktrittsforderungen an den Pfarrgemeinderat wurde offensichtlich auch in der
Mainzer Bistumsleitung sehr gründlich gelesen. Domkapitular Giebelmann, Personalchef des
Bistums und als solcher vor drei Wochen Verkünder des endgültigen Knedelhans-Rückzugs,
habe die Anordnung zur Schließung des Forums unterstützt, bestätigte Arnold Senn
gestern unserer Zeitung gegenüber.
Begründet habe Dekan Schmitt-Helfferich das harte Durchgreifen zudem mit Kritik an
teilweise anonym verfassten Beiträgen auf der Internetseite. Die Beschwerdeführer
allerdings wollten offenbar selbst anonym bleiben. Das wundert Senn.
Angegriffen worden waren im Forum vor allem die Pfarrgemeinderats-Vorsitzende Mechthild
Schreiner und der Chef des Verwaltungsrates, Herbert Margraf. Senn: "Mit beiden habe
ich gesprochen, und selbst sie waren der Meinung, dass das ja doch irgendwo gesagt
wird." Im übrigen habe Schmitt-Helfferich "kein Interesse daran gezeigt, das
Forum überhaupt anzuschauen."
So oder so ist die Diskussion nun vorerst beendet, wenn auch nur auf www.StCaecilia.de.
Senn will das Problem eventuell am nächsten Montag, 17. März, zur Sprache bringen. Dann
tagt ab 20.30 Uhr der Pfarrgemeinderat öffentlich im kleinen Saal des Pfarrheims, um nach
Begrüßung und Gebet "Die Situation nach dem Weggang von Pfarrer Thomas
Knedelhans" zu analysieren und einer Antwort auf die Frage "Wie können wir
gemeinsam Zukunft gestalten?" auf die Spur zu kommen. Moderiert wird der Abend von
Margareta Ohlemüller, Referentin für Pfarrgemeinderäte aus dem Bistum Mainz.
Unterdessen hat Arnold Senn erste Reaktionen auf die Zwangs-Schließung des Forums
bekommen - "durchweg Unverständnis." Ein eMail-Schreiber fürchte die
"Rückkehr ins Mittelalter."
Senn indes hat "mit offiziellen Anordnungen kein Problem. Ich bin ja nicht St.
Cäcilia, ich bin nur ein Gemeindemitglied." Vor wenigen Wochen hatte er die
Meinungs-Plattform ins Netz gestellt (wir berichteten), "eigentlich als
elektronisches Fürbitt-Buch" nach dem Vorbild des Internet-Auftritts des Frankfurter
Liebfrauen-Klosters.
Nun wartet Senn noch auf die schriftliche Bestätigung der telefonischen Anweisung von
Schmitt-Helfferich. "Sollte ich die nicht bekommen, mache ich das Forum zum
Wochenende wieder auf."
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Angemerkt
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Zwei Schritte zurück
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Klasse, Kirche! Einen Schritt vorwärts, zwei zurück. So kommt niemand einem neuen, einem
offenen Selbstverständnis näher. Als würde der längst aus der Mode geratene Deckmantel
der Verschwiegenheit nicht schon laut genug im Wind der neuen Zeit flattern. Die Frage ist
doch, was sich mit dieser zweifelhaften - oder verzweifelten? - Zensur von oben nun
wirklich verbessern lässt. Klick, Computer aus, Ruhe im Karton? Wohl kaum. Die Diskussion
geht weiter, die sachliche ebenso wie der offensiveren Machart. Denn das Problem ist
einfach zu wichtig, sprich: zu existenziell, um es auszusitzen.
Der Gemeinde ein junges, aber wichtiges Instrument wegzunehmen, mit dem sie sich - unter
Schmerzen - gerade angefreundet hatte, verbaut den Cäcilia-Christen eine wichtige Chance.
Das Online-Forum war ein Ventil, ein Spiegelbild der Meinungen, mit Risiken und
Nebenwirkungen. Doch wenn, wie es der Seitenmacher Arnold Senn gestern sagte, sogar die
beiden Menschen, die in den vergangenen Wochen besonders oft Ziel kritischer Anmerkungen
waren, nicht unbedingt für die Zwangsschließung sind - warum gab es sie dann? Das
Argument ,,Personenschutz" fällt weg. Mechthild Schreiner und Herbert Margraf
können sich selbst wehren, tun es übrigens in vielen persönlichen Gesprächen und
finden dort auch Zuspruch.
Eine Umfrage ,,Forum - ja oder nein?" wäre das Richtige gewesen. Und vielleicht
sogar eine Abstimmung - technisch kein Problem und allemal demokratischer als ein Befehl
per Telefon. Aber solcherlei Ideen werden von vorneherein in aller Herrlichkeit
weggeputzt, als wären sie nur Dreck auf der einst glatten Oberfläche der Gemeinde. Ob
Pfarrer Knedelhans nun nicht zu St. Cäcilia gepasst hat oder St. Cäcilia nicht zu ihm,
wird noch viel Gesprächsstoff bieten. Doch elementarer für die Zukunft wird sein,
welchen Weg die Gemeinde nun in kleinen Schritten beschreiten will. Eine erste
Richtungsbestimmung ist am nächsten Montag möglich, wenn der Pfarrgemeinderat - wie
immer - öffentlich tagt.
Der Online-Maulkorb jedenfalls ist überflüssig. Denn nun gibt es im Städtchen nicht ein
unangenehmes Thema weniger, sondern ein unangenehmes Thema mehr.
MARCUS REINSCH
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Mitteilung vom:
erschienen in: |
14.03.2003
Offenbach Post |
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