Pressemitteilungen

Stand 14. März 2003

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"Freie Meinungsäußerung nicht gewünscht"

Heusenstamm (Marcus Reinsch) - Das Online-Forum auf der Internetseite der Heusenstammer St. Cäcilia-Gemeinde ist seit dem frühen Mittwochabend nicht mehr erreichbar. "Die Anweisung, dass das unverzüglich zugemacht werden muss", hatte Dekan Johannes Schmitt-Helfferich, seit dem Rücktritt von Pfarrer Thomas Knedelhans Pfarradministrator in St. Cäcilia, am Mittag telefonisch an Arnold Senn durchtelefoniert. Senn, der die nicht alleine bei Gemeindemitgliedern beliebte Seite www.StCaecilia.de aufgebaut hat und pflegt, informiert die Besucher mittlerweile mit offener Enttäuschung: "Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass die freie Meinungsäußerung hier nicht weiter gewünscht ist und das Online-Forum auf Anweisung von Herrn Pfarrer Schmitt-Helfferich und Herrn Domkapitular Dietmar Giebelmann bis auf Weiteres geschlossen wurde. Wir bedauern dies sehr."
Im Forum war in den vergangenen Wochen ungewohnt kontrovers, bisweilen sehr emotional über Gründe und Hintergründe des Weggangs von Pfarrer Thomas Knedelhans diskutiert worden. Alleine in der Woche nach dem Rücktritt gab es 17 000 Zugriffe auf die Seite. Und: Die Mischung aus sachlichen Beiträgen, Schuldzuweisungen und vor allem anfänglich auch Rücktrittsforderungen an den Pfarrgemeinderat wurde offensichtlich auch in der Mainzer Bistumsleitung sehr gründlich gelesen. Domkapitular Giebelmann, Personalchef des Bistums und als solcher vor drei Wochen Verkünder des endgültigen Knedelhans-Rückzugs, habe die Anordnung zur Schließung des Forums unterstützt, bestätigte Arnold Senn gestern unserer Zeitung gegenüber.
Begründet habe Dekan Schmitt-Helfferich das harte Durchgreifen zudem mit Kritik an teilweise anonym verfassten Beiträgen auf der Internetseite. Die Beschwerdeführer allerdings wollten offenbar selbst anonym bleiben. Das wundert Senn.
Angegriffen worden waren im Forum vor allem die Pfarrgemeinderats-Vorsitzende Mechthild Schreiner und der Chef des Verwaltungsrates, Herbert Margraf. Senn: "Mit beiden habe ich gesprochen, und selbst sie waren der Meinung, dass das ja doch irgendwo gesagt wird." Im übrigen habe Schmitt-Helfferich "kein Interesse daran gezeigt, das Forum überhaupt anzuschauen."
So oder so ist die Diskussion nun vorerst beendet, wenn auch nur auf www.StCaecilia.de. Senn will das Problem eventuell am nächsten Montag, 17. März, zur Sprache bringen. Dann tagt ab 20.30 Uhr der Pfarrgemeinderat öffentlich im kleinen Saal des Pfarrheims, um nach Begrüßung und Gebet "Die Situation nach dem Weggang von Pfarrer Thomas Knedelhans" zu analysieren und einer Antwort auf die Frage "Wie können wir gemeinsam Zukunft gestalten?" auf die Spur zu kommen. Moderiert wird der Abend von Margareta Ohlemüller, Referentin für Pfarrgemeinderäte aus dem Bistum Mainz.
Unterdessen hat Arnold Senn erste Reaktionen auf die Zwangs-Schließung des Forums bekommen - "durchweg Unverständnis." Ein eMail-Schreiber fürchte die "Rückkehr ins Mittelalter."
Senn indes hat "mit offiziellen Anordnungen kein Problem. Ich bin ja nicht St. Cäcilia, ich bin nur ein Gemeindemitglied." Vor wenigen Wochen hatte er die Meinungs-Plattform ins Netz gestellt (wir berichteten), "eigentlich als elektronisches Fürbitt-Buch" nach dem Vorbild des Internet-Auftritts des Frankfurter Liebfrauen-Klosters.
Nun wartet Senn noch auf die schriftliche Bestätigung der telefonischen Anweisung von Schmitt-Helfferich. "Sollte ich die nicht bekommen, mache ich das Forum zum Wochenende wieder auf."



Angemerkt


Zwei Schritte zurück


Klasse, Kirche! Einen Schritt vorwärts, zwei zurück. So kommt niemand einem neuen, einem offenen Selbstverständnis näher. Als würde der längst aus der Mode geratene Deckmantel der Verschwiegenheit nicht schon laut genug im Wind der neuen Zeit flattern. Die Frage ist doch, was sich mit dieser zweifelhaften - oder verzweifelten? - Zensur von oben nun wirklich verbessern lässt. Klick, Computer aus, Ruhe im Karton? Wohl kaum. Die Diskussion geht weiter, die sachliche ebenso wie der offensiveren Machart. Denn das Problem ist einfach zu wichtig, sprich: zu existenziell, um es auszusitzen.
Der Gemeinde ein junges, aber wichtiges Instrument wegzunehmen, mit dem sie sich - unter Schmerzen - gerade angefreundet hatte, verbaut den Cäcilia-Christen eine wichtige Chance. Das Online-Forum war ein Ventil, ein Spiegelbild der Meinungen, mit Risiken und Nebenwirkungen. Doch wenn, wie es der Seitenmacher Arnold Senn gestern sagte, sogar die beiden Menschen, die in den vergangenen Wochen besonders oft Ziel kritischer Anmerkungen waren, nicht unbedingt für die Zwangsschließung sind - warum gab es sie dann? Das Argument ,,Personenschutz" fällt weg. Mechthild Schreiner und Herbert Margraf können sich selbst wehren, tun es übrigens in vielen persönlichen Gesprächen und finden dort auch Zuspruch.
Eine Umfrage ,,Forum - ja oder nein?" wäre das Richtige gewesen. Und vielleicht sogar eine Abstimmung - technisch kein Problem und allemal demokratischer als ein Befehl per Telefon. Aber solcherlei Ideen werden von vorneherein in aller Herrlichkeit weggeputzt, als wären sie nur Dreck auf der einst glatten Oberfläche der Gemeinde. Ob Pfarrer Knedelhans nun nicht zu St. Cäcilia gepasst hat oder St. Cäcilia nicht zu ihm, wird noch viel Gesprächsstoff bieten. Doch elementarer für die Zukunft wird sein, welchen Weg die Gemeinde nun in kleinen Schritten beschreiten will. Eine erste Richtungsbestimmung ist am nächsten Montag möglich, wenn der Pfarrgemeinderat - wie immer - öffentlich tagt.
Der Online-Maulkorb jedenfalls ist überflüssig. Denn nun gibt es im Städtchen nicht ein unangenehmes Thema weniger, sondern ein unangenehmes Thema mehr.

MARCUS REINSCH

Mitteilung vom:
erschienen in:

14.03.2003
Offenbach Post


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