Nur noch weiße Westen
Die Pfarrgemeinde St. Cäcilia auf der Suche nach dem Zeitpunkt an dem das
"Wir-Gefühl" verlorenging |
Heusenstamm (Marcus Reinsch) - Im Fall St. Cäcilia Heusenstamm gibt es keine Täter
mehr, die nicht auch Opfer sind. Und es gibt keine Opfer, die sich nichts zuschulden
kommen ließen. Spätestens seit der öffentlichen Sitzung des Pfarrgemeinderates gibt es
nur noch "Beteiligte". Und eine ganze Kiste voller Wahrheiten über den mehr
oder weniger plötzlichen Abgang des Pfarrers Thomas Knedelhans, aus der sich jeder die
seine sucht. Nachdem am Montagabend mehrere Ladungen schmutziger Wäsche gewachen wurden,
strahlen die weißen Westen augenscheinlich wieder um die Wette. Nur die des Mainzer
Domkapitulars Prälat Dietmar Giebelmann hat neuerdings Flecken. Der Personalchef des
Bistums wird wohl noch gefragt werden, warum er der Cäcilia-Gemeinde bei der Verkündung
des Rücktritts von Pfarrer Knedelhans ein Klima unterstellte, in dem es kein Geistlicher
lange aushält. Der Versuch einer Zusammenfassung:
Im kleinen Saal des Pfarrheims an der Schlossstraße bewältigen die Besucher die
Quadratur des Kreises. Mehr als 40 Stühle hat Mechthild Schreiner, Vorsitzende des
Pfarrgemeinderates, im Alleingang zum großen Rund formiert. Doch das reicht nicht ganz.
Als immer mehr Interessierte und Aufgeregte strömen, ist Auseinanderrücken Richtung Wand
angesagt, um der zerstrittenen Gemeinde später vielleicht das Zusammenrücken zu
ermöglichen. Die cäcilianische Identitätskrise bewegt erst Möbel, dann Herzen, dann
Münder. Heute darf jeder mitreden, ganz offiziell.
Das ist keine normale Sitzung. Es wird um "Einsicht und Mut" gebetet, damit, wie
Schreiner vorneweg schickt, "über alles, was war und was sein soll, geredet
wird." Das ist das Ziel. Und es ist zu hoch gesteckt. Eigentlich sind alle hier, um
die variantenreichen Meinungen, die sich um den Rückzug von Thomas Knedelhans ranken, auf
einen Nenner zu bringen, um wenigstens Gerüchte von Fakten zu trennen. Es geht um das
Bild, das die Cäcilianer vom Pfarrer hatten und um den Eindruck, den die Welt nun von den
Cäcilianern hat.
In den vergangenen Wochen ist zu viel übereinander oder zu wenig miteinander geredet
worden, um nun nicht der Hilfe eines neutralen Menschen zu bedürfen. Margareta
Ohlemüller, im Bistum zuständig für die Pfarrgemeinderäte und von Prälat Giebelmann
in zwei Telefonaten über dessen Sicht der Dinge informiert, erweist sich als souveräne
Moderatorin. "Es steht manches im Raum, was ausgesprochen werden muss. Weil es eben
da ist", sagt sie. "Da gibt es alle möglichen Gefühle".
Die gibt es, und die sollen raus. Meint auch Johannes Schmitt-Helfferich, der in der
vergangenen Woche das Online-Forum auf der Internetseite www.StCaecilia.de verboten hat,
weil er jetzt der Heusenstammer Pfarradministrator ist, er "hier Ruhe reinkriegen
will" und ihm "diese anonyme Sache nicht gefällt." Andererseits könne man
"das, was gewesen ist, nicht einfach unter den Tisch kehren".
Aber was ist denn eigentlich gewesen? Pfarrer Knedelhans ist weg. Vor drei Wochen stand
plötzlich Domkapitular Giebelmann im Wochenendgottesdienst und überbrachte die
Nachricht. Zuvor waren Mechthild Schreiner und Herbert Margraf, die Vorsitzenden des
Pfarrgemeinde- und des Verwaltungsrates der Gemeinde, bei ihm in Mainz gewesen. Allerdings
nicht, klärte Margraf nun, "um den Pfarrer wegzubekommen, sondern um ihn
hierzubehalten und die Probleme zu lösen." Dass Knedelhans just zu dieser Zeit in
der Türkei war, sei Zufall und nicht die Hinterlist gewesen, für die er und Schreiner
nun oft angefeindet werden. Um ein Gespräch gebeten hätten die beiden schon einige Tage
vor Weihnachten. "Wir haben keinen Einfluss auf diesen Termin gehabt." Zudem sei
Knedelhans durch Giebelmann im Vorfeld informiert worden. Zu einem zweiten Treffen, dieses
Mal mit allen Beteiligten, sei es dann nicht mehr gekommen. Giebelmann habe am geplanten
Tag "morgens um 8" abgesagt - "und danach war für uns Sendepause, bis wir
erfahren haben, dass der Pfarrer weggeht." Das sei verwunderlich, weil Knedelhans
auch nach dem Gespräch in Mainz noch im Vorstand des Fördervereins mitgearbeitet habe.
Suspekt sei dem Pfarrgemeinderat vorgekommen, dass der Pfarrer wegen "Unruhe"
aus dem Pfarrhaus ausziehen wollte. Es habe, ergänzt Mechthild Schreiner, "ein ganz
intensives Gespräch mit dem Pfarrer gegeben. Aber wir haben aneinander
vorbeigeredet."
Das wiederum wirft umgehend andere Fragen auf: Warum schob der Domkapitular bei der
Verkündung des Knedelhans-Rücktritts die Schuld recht eindeutig der Gemeinde zu? So
jedenfalls hat es diese aufgefasst, empört sich im Nachhinein, aber nicht aus heiterem
Himmel über "das Problem Mainz" (Erwin Heberer), als sie jetzt zwischen Bühne
und Trennwand des kleinen Gemeindesaals ihr existenzielles Drama gibt. Zweifel, dass es
bei einem Einakter bleibt, verstärken sich. Einer, im Anzug, bescheinigt Giebelmann, dass
dessen "Äußerung in unserer Kirche von keinerlei Sachkenntnis getrübt war."
Und natürlich kratzen solche Äußerungen noch weiter am ohnehin verbeulten
Selbstbewusstsein. Aber das, verbildlicht Schmitt-Helfferich, könne auch hilfreich sein.
Beim Gärungsprozess "kommt ja auch der ganze Dreck hoch. Das muss eben so gemacht
werden, damit es einen schönen Äppelwoi gibt. Und wenn der Herr Giebelmann sowas sagt,
wird er dafür seine Gründe haben."
Das Online-Forum indes war dem Pfarradministrator dann wohl doch zu dreckig. Den
Entschluss, die Order zur Schließung zu geben, habe er übrigens ganz alleine getroffen -
nicht der Chef aus Mainz.
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Angemerkt
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Wo ist es hin?
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Wo ist es hin, das Wir-Gefühl, das die St. Cäcilia-Gemeinde einst als Cäcilianer einte?
Hat es der Pfarrer mitgenommen, als er seine Sachen packte? Oder wurde es auf dem Altar
persönlicher Eitelkeiten geopfert, als den Namen Knedelhans noch kein Cäcilianer je
gehört hatte?
Die Diskussionsrunde am Montag hat vor allem zwei Dinge gezeigt: Zum einen, dass es
dringend nötig war, Fakten auf den Tisch zu legen, um das Sperrfeuer aus Gerüchten nicht
noch weiter anzuheizen. Zum anderen, dass eineinhalb Stunden Gespräch nicht entklemmen
können, was offenbar seit Jahren verklemmt ist.
St. Cäcilia steht erst am Beginn eines schmerzhaften Prozesses. Denn sogar einige der
längst vergessen geglaubten Wunden sind nicht verheilt, brachen im Pfarrheim wieder auf.
Pfarrer Rink, dessen Krebserkrankung ihm die Leistungsfähigkeit raubte. Und Pfarrer
Schmutzer, der mit der Erkenntnis, dass er "die priesterliche Lebensform der
Ehelosigkeit" nicht mehr leben kann, wegging, um seine Freundin zu heiraten und Vater
zu werden.
Noch dazu reißen - ob nun üblicher Schwund oder nicht - die Schäfchen aus, springen
übers Gatter der seelsorgerisch abgegrasten Cäcilia-Weide, lauschen lieber der Predigt
in Maria Himmelskron.
Allein: Soll nun gekehrt werden oder nicht? Johannes Schmitt-Helfferich, Dekan und
momentan Ersatzmann für Knedelhans, hat da mehrere Antworten im Repertoire. "Was
gewesen ist, kann man nicht einfach unter den Tisch kehren", sagt er, und: "Ich
will hier Ruhe reinkriegen." Also was nun? Kehren, ohne Staub aufzuwirbeln? Wunder
gibt es ja bekanntlich immer wieder.
Der Pfarradministrator hat die seit Ende vergangener Woche auch schriftlich vorliegende
Order an den Internet-Seitenmacher Arnold Senn komplett auf seine Kappe genommen, alle
Diskussionen auf www.StCaecilia.de umgehend zu stoppen. Ins Forum geschaut hat er selbst
nie. "Kann ich ja gar nicht. Will ich ja gar nicht." Aha.
Zwei Möglichkeiten bleiben jenen, die gerne Antworten auf ihre Fragen hätten: Einerseits
natürlich persönliche Gespräche, gegen die glücklicherweise jede Zensur machtlos ist.
Andererseits aber auch eMails an jene, die vermutlich am besten Auskunft darüber geben
können, wie es denn nun soweit kommen konnte.
Herbert Margraf ist unter verwaltungsrat@StCaecilia.de zu erreichen, Mechthild Schreiner
unter pfarrgemeinderat@StCaecilia.de - und Thomas Knedelhans mittlerweile ganz privat
unter thomas.knedelhans@gmx.de.
Vielleicht kommt auf diesem Wege - und mit weiteren Gelegenheiten zur offenen Diskussion -
die Chance zustande, den neuen Pfarrer im September ohne die zerstörerische Angst zu
empfangen, dass es wieder nichts wird. Denn wenn einen keine Schuld an der heutigen
Situation trifft, dann ihn.
Wer "der Neue" wird, entscheidet nicht St. Cäcilia selbst, sondern eine
Personalfindungskommission des Bistums. Ein Vorstellungsgespräch, wie in jeder Firma
üblich, ist nicht vorgesehen. Eigentlich könnte sich Mainz da in Anbetracht der
besonderen Heusenstammer Situation mal erbarmen und die Cäcilianer wenigstens
mitentscheiden lassen, wen sie wollen. Das würde schon helfen.
MARCUS REINSCH
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Mitteilung vom:
erschienen in: |
19.03.2003
Offenbach Post |
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