Pressemitteilungen

Stand 19. März 2003

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Nur noch weiße Westen


Die Pfarrgemeinde St. Cäcilia auf der Suche nach dem Zeitpunkt an dem das "Wir-Gefühl" verlorenging

Heusenstamm (Marcus Reinsch) - Im Fall St. Cäcilia Heusenstamm gibt es keine Täter mehr, die nicht auch Opfer sind. Und es gibt keine Opfer, die sich nichts zuschulden kommen ließen. Spätestens seit der öffentlichen Sitzung des Pfarrgemeinderates gibt es nur noch "Beteiligte". Und eine ganze Kiste voller Wahrheiten über den mehr oder weniger plötzlichen Abgang des Pfarrers Thomas Knedelhans, aus der sich jeder die seine sucht. Nachdem am Montagabend mehrere Ladungen schmutziger Wäsche gewachen wurden, strahlen die weißen Westen augenscheinlich wieder um die Wette. Nur die des Mainzer Domkapitulars Prälat Dietmar Giebelmann hat neuerdings Flecken. Der Personalchef des Bistums wird wohl noch gefragt werden, warum er der Cäcilia-Gemeinde bei der Verkündung des Rücktritts von Pfarrer Knedelhans ein Klima unterstellte, in dem es kein Geistlicher lange aushält. Der Versuch einer Zusammenfassung:

Im kleinen Saal des Pfarrheims an der Schlossstraße bewältigen die Besucher die Quadratur des Kreises. Mehr als 40 Stühle hat Mechthild Schreiner, Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, im Alleingang zum großen Rund formiert. Doch das reicht nicht ganz. Als immer mehr Interessierte und Aufgeregte strömen, ist Auseinanderrücken Richtung Wand angesagt, um der zerstrittenen Gemeinde später vielleicht das Zusammenrücken zu ermöglichen. Die cäcilianische Identitätskrise bewegt erst Möbel, dann Herzen, dann Münder. Heute darf jeder mitreden, ganz offiziell.
Das ist keine normale Sitzung. Es wird um "Einsicht und Mut" gebetet, damit, wie Schreiner vorneweg schickt, "über alles, was war und was sein soll, geredet wird." Das ist das Ziel. Und es ist zu hoch gesteckt. Eigentlich sind alle hier, um die variantenreichen Meinungen, die sich um den Rückzug von Thomas Knedelhans ranken, auf einen Nenner zu bringen, um wenigstens Gerüchte von Fakten zu trennen. Es geht um das Bild, das die Cäcilianer vom Pfarrer hatten und um den Eindruck, den die Welt nun von den Cäcilianern hat.
In den vergangenen Wochen ist zu viel übereinander oder zu wenig miteinander geredet worden, um nun nicht der Hilfe eines neutralen Menschen zu bedürfen. Margareta Ohlemüller, im Bistum zuständig für die Pfarrgemeinderäte und von Prälat Giebelmann in zwei Telefonaten über dessen Sicht der Dinge informiert, erweist sich als souveräne Moderatorin. "Es steht manches im Raum, was ausgesprochen werden muss. Weil es eben da ist", sagt sie. "Da gibt es alle möglichen Gefühle".
Die gibt es, und die sollen raus. Meint auch Johannes Schmitt-Helfferich, der in der vergangenen Woche das Online-Forum auf der Internetseite www.StCaecilia.de verboten hat, weil er jetzt der Heusenstammer Pfarradministrator ist, er "hier Ruhe reinkriegen will" und ihm "diese anonyme Sache nicht gefällt." Andererseits könne man "das, was gewesen ist, nicht einfach unter den Tisch kehren".
Aber was ist denn eigentlich gewesen? Pfarrer Knedelhans ist weg. Vor drei Wochen stand plötzlich Domkapitular Giebelmann im Wochenendgottesdienst und überbrachte die Nachricht. Zuvor waren Mechthild Schreiner und Herbert Margraf, die Vorsitzenden des Pfarrgemeinde- und des Verwaltungsrates der Gemeinde, bei ihm in Mainz gewesen. Allerdings nicht, klärte Margraf nun, "um den Pfarrer wegzubekommen, sondern um ihn hierzubehalten und die Probleme zu lösen." Dass Knedelhans just zu dieser Zeit in der Türkei war, sei Zufall und nicht die Hinterlist gewesen, für die er und Schreiner nun oft angefeindet werden. Um ein Gespräch gebeten hätten die beiden schon einige Tage vor Weihnachten. "Wir haben keinen Einfluss auf diesen Termin gehabt." Zudem sei Knedelhans durch Giebelmann im Vorfeld informiert worden. Zu einem zweiten Treffen, dieses Mal mit allen Beteiligten, sei es dann nicht mehr gekommen. Giebelmann habe am geplanten Tag "morgens um 8" abgesagt - "und danach war für uns Sendepause, bis wir erfahren haben, dass der Pfarrer weggeht." Das sei verwunderlich, weil Knedelhans auch nach dem Gespräch in Mainz noch im Vorstand des Fördervereins mitgearbeitet habe. Suspekt sei dem Pfarrgemeinderat vorgekommen, dass der Pfarrer wegen "Unruhe" aus dem Pfarrhaus ausziehen wollte. Es habe, ergänzt Mechthild Schreiner, "ein ganz intensives Gespräch mit dem Pfarrer gegeben. Aber wir haben aneinander vorbeigeredet."
Das wiederum wirft umgehend andere Fragen auf: Warum schob der Domkapitular bei der Verkündung des Knedelhans-Rücktritts die Schuld recht eindeutig der Gemeinde zu? So jedenfalls hat es diese aufgefasst, empört sich im Nachhinein, aber nicht aus heiterem Himmel über "das Problem Mainz" (Erwin Heberer), als sie jetzt zwischen Bühne und Trennwand des kleinen Gemeindesaals ihr existenzielles Drama gibt. Zweifel, dass es bei einem Einakter bleibt, verstärken sich. Einer, im Anzug, bescheinigt Giebelmann, dass dessen "Äußerung in unserer Kirche von keinerlei Sachkenntnis getrübt war."
Und natürlich kratzen solche Äußerungen noch weiter am ohnehin verbeulten Selbstbewusstsein. Aber das, verbildlicht Schmitt-Helfferich, könne auch hilfreich sein. Beim Gärungsprozess "kommt ja auch der ganze Dreck hoch. Das muss eben so gemacht werden, damit es einen schönen Äppelwoi gibt. Und wenn der Herr Giebelmann sowas sagt, wird er dafür seine Gründe haben."
Das Online-Forum indes war dem Pfarradministrator dann wohl doch zu dreckig. Den Entschluss, die Order zur Schließung zu geben, habe er übrigens ganz alleine getroffen - nicht der Chef aus Mainz.



Angemerkt


Wo ist es hin?


Wo ist es hin, das Wir-Gefühl, das die St. Cäcilia-Gemeinde einst als Cäcilianer einte? Hat es der Pfarrer mitgenommen, als er seine Sachen packte? Oder wurde es auf dem Altar persönlicher Eitelkeiten geopfert, als den Namen Knedelhans noch kein Cäcilianer je gehört hatte?
Die Diskussionsrunde am Montag hat vor allem zwei Dinge gezeigt: Zum einen, dass es dringend nötig war, Fakten auf den Tisch zu legen, um das Sperrfeuer aus Gerüchten nicht noch weiter anzuheizen. Zum anderen, dass eineinhalb Stunden Gespräch nicht entklemmen können, was offenbar seit Jahren verklemmt ist.
St. Cäcilia steht erst am Beginn eines schmerzhaften Prozesses. Denn sogar einige der längst vergessen geglaubten Wunden sind nicht verheilt, brachen im Pfarrheim wieder auf. Pfarrer Rink, dessen Krebserkrankung ihm die Leistungsfähigkeit raubte. Und Pfarrer Schmutzer, der mit der Erkenntnis, dass er "die priesterliche Lebensform der Ehelosigkeit" nicht mehr leben kann, wegging, um seine Freundin zu heiraten und Vater zu werden.
Noch dazu reißen - ob nun üblicher Schwund oder nicht - die Schäfchen aus, springen übers Gatter der seelsorgerisch abgegrasten Cäcilia-Weide, lauschen lieber der Predigt in Maria Himmelskron.
Allein: Soll nun gekehrt werden oder nicht? Johannes Schmitt-Helfferich, Dekan und momentan Ersatzmann für Knedelhans, hat da mehrere Antworten im Repertoire. "Was gewesen ist, kann man nicht einfach unter den Tisch kehren", sagt er, und: "Ich will hier Ruhe reinkriegen." Also was nun? Kehren, ohne Staub aufzuwirbeln? Wunder gibt es ja bekanntlich immer wieder.
Der Pfarradministrator hat die seit Ende vergangener Woche auch schriftlich vorliegende Order an den Internet-Seitenmacher Arnold Senn komplett auf seine Kappe genommen, alle Diskussionen auf www.StCaecilia.de umgehend zu stoppen. Ins Forum geschaut hat er selbst nie. "Kann ich ja gar nicht. Will ich ja gar nicht." Aha.
Zwei Möglichkeiten bleiben jenen, die gerne Antworten auf ihre Fragen hätten: Einerseits natürlich persönliche Gespräche, gegen die glücklicherweise jede Zensur machtlos ist. Andererseits aber auch eMails an jene, die vermutlich am besten Auskunft darüber geben können, wie es denn nun soweit kommen konnte.
Herbert Margraf ist unter verwaltungsrat@StCaecilia.de zu erreichen, Mechthild Schreiner unter pfarrgemeinderat@StCaecilia.de - und Thomas Knedelhans mittlerweile ganz privat unter thomas.knedelhans@gmx.de.
Vielleicht kommt auf diesem Wege - und mit weiteren Gelegenheiten zur offenen Diskussion - die Chance zustande, den neuen Pfarrer im September ohne die zerstörerische Angst zu empfangen, dass es wieder nichts wird. Denn wenn einen keine Schuld an der heutigen Situation trifft, dann ihn.
Wer "der Neue" wird, entscheidet nicht St. Cäcilia selbst, sondern eine Personalfindungskommission des Bistums. Ein Vorstellungsgespräch, wie in jeder Firma üblich, ist nicht vorgesehen. Eigentlich könnte sich Mainz da in Anbetracht der besonderen Heusenstammer Situation mal erbarmen und die Cäcilianer wenigstens mitentscheiden lassen, wen sie wollen. Das würde schon helfen.

MARCUS REINSCH

Mitteilung vom:
erschienen in:

19.03.2003
Offenbach Post


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