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Stand 03. Sept. 2003

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"Star" der barocken Architektur
Balthasar Neumann starb vor 250 Jahren

Von Martin Haag und Bernd Georg (Fotos/Repro)

Ein solches Doppeljubiläum ist wahrlich selten: Zum 250. Mal jährt sich dieser Tage der Tod des großen Barock­Baumeisters (Johann) Balthasar Neumann. Dieses kunst- und kulturhistorisch so bedeutsame Datum fällt überdies noch zusammen mit dem 300. Geburtstag des wohl begabtesten, architektonischen Mitarbeiter Neumanns: Johann (Jakob) Michael Küchel (Kuechel). Am 19. August 1703 - also genau ein halbes Jahrhundert vor dem Tod seines späteren Lehrers - kam Küchel in Bamberg zur Welt. Balthasar Neumann starb am 19. August 1753 in Würzburg. In mehr als drei Jahrzehnten schöpferischer Arbeit hatte Neumann die traditionsreiche Kunstlandschaft Franken so nachhaltig geprägt wie vor ihm nur Til Riemenschneider (um 1460 bis 1531). Doch anders als dem großen, spätgotischen Bildschnitzer rund zweieinhalb Jahrhunderte zuvor wurde Balthasar Neumann in seinen letzten Lebensjahren nahezu europaweiter Ruhm zuteil. Dabei hatte alles eher unscheinbar begonnen.
Geboren im böhmischen Eger (Cheb) im Januar 1687 (überliefert ist nur das Taufdatum: der 30. Januar), ausgebildet vermutlich zunächst bei seinem Taufpaten, dem Glocken- und Metallgießer Balthasar Platzer, kam der Handwerksgeselle Balthasar Neumann “mit nichts anderem als seinem Wanderpäckchen” im Jahr 1711 24-jährig nach Würzburg. Die folgenreiche Entdeckung seines künstlerischen Genius verdankte Neumann, der am 8. Mai 1714 ein Fähnrichspatent erhalten hatte, dem Würzburger Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn. Dieser verschaffte dem architektonisch noch wenig erprobten Neumann 1721 seinen ersten Großauftrag.
Für die in den Grundfarben Schwarzgrau und Gold gehaltene, repräsentative Grablege des bedeutenden Würzbürger Fürstbischofs und Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn, angefügt dem barockisierten Nordquerhaus des Domes, entwickelte Neumann ältere Entwürfe des Kurmainzer Hofbaumeisters Maximilian von Welsch sowie des aus Genua stammenden Wiener Hofarchitekten Johann Lukas von Hildebrandt schöpferisch fort.
Das architektonische Meisterwerk, erster Geniestreich eines vergleichsweise noch unbekannten Künstlers, qualifizierte Balthasar Neumann in den Augen des Würzburger Fürstbischofs für einen noch anspruchsvolleren Auftrag: die Leitung des gewaltigen Neubaus der Würzburger Residenz. Ein Prunkstück der majestätischen Anlage, die wesentliche Errungenschaften der oberitalienischen, französischen und Wiener Palastarchitektur der Epoche zu bruchloser Einheit verschmilzt, bildet das viel bewunderte Treppenhaus, kongenial freskiert von Giambattista Tiepolo. Über einem fast kryptenartig gedrungenen, dämmrigen, gedämpft farbigen Vestibül öffnet sich die monumentale Treppenanlage zu ungeahnter Lichtfülle.
Die Solidität des riesenhaften Muldengewölbes soll Neumanns Wiener Rivale Lukas von Hildebrandt mit dem makabren Bonmot angezweifelt haben, wenn diese Decke den Schub der Seitenmauern standhalte, sei er bereit, sich unter ihr auf eigene Kosten hängen zu lassen. Neumann seinerseits, so will es die Überlieferung, konterte mit der ironischen Offerte, im Treppenhaus der Residenz eine ganze Batterie Kanonen abfeuern zu lassen, um dessen Festigkeit zu erweisen - tatsächlich überdauerte die Deckenkonstruktion sogar das verheerende Bombardement Würzburgs vom 16. März 1945. Mit dem gigantischen Stiegenhaus der Würzburger Residenz, dieser bis dahin beispiellosen, fünfschiffigen “Treppenkathedrale” des Barock, hatte Balthasar Neumann sich unübersehbar als einer der führenden Baumeister seiner Zeit profiliert. Großangelegte Treppenhäuser nach Entwürfen des Künstlers entstanden als perfekte, barocke Raumkunstwerke in den folgenden Jahren unter anderem im Schloss Augustusburg bei Brühl, im Neuen Schloss zu Meersburg am Bodensee, vor allem aber in der Residenz zu Bruchsal.
Balthasar Neumann war jedoch auch ein Meister der Sakralarchitektur. Für den heutigen Betrachter unmittelbar anschaulich wird dies nicht allein in seinen großen, repräsentativen Kirchenbauten wie etwa der kunstvoll kurvierten Hofkirche der Würzburger Residenz. Seinen außergewöhnlichen Fantasiereichtum dokumentieren selbst jene zahlreichen kleineren Landkirchen, die Neumann im Auftrag seiner verschiedenen Gönner aus der baufreudigen Familie von Schönborn zwischen 1727 und 1753 entwarf.
Zu ihnen zählt auch die bezaubernde Pfarrkirche St. Cäcilia in Heusenstamm. Nach einem Ausführungsprojekt Balthasar Neumanns entstand sie in den Jahren von 1739 bis 1741 als Grablege einer Schönbornschen Seitenlinie. In stark reduziertem Maßstab variierte Neumann hier den Grundriss seiner berühmten Wallfahrtskirche von Gößweinstein; an die Stelle der dortigen, monumentalen Doppelturmfassade trat (ähnlich wie in seinen Pfarrkirchen von Kitzingen-Etwashausen und von Wiesentheid) ein in der Mitte der Eingangsfront platzierter, schlank emporstrebender Einturm mit eingeschnürter Haube. Durch perfekt abgewogene Maßverhältnisse nach dem “Godenen Schnitt”, gelang es Neumann, das lichtdurchflutete Kirchen-Interieur weiträumiger erscheinen zu lassen, als es wirklich ist. Rötlich-grau schimmernde Stuckmarmorsäulen toskanischer Ordnung, frei vor den ausgenischten Vierungsecken stehend, akzentuieren die Mitte des ungewöhnlich schönen Raumes, der durch die meisterhaften Gewölbemalereien Christoph Thomas Schefflers eine zusätzliche, illusionistische Weitung erfährt.
In enger Abstimmung mit Balthasar Neumann errichtete der Würzburger Hofbildhauer Johann Wolfgang von der Auwera an der Rückwand des Chores den anmutig bewegten, vollplastischen Rücktischaufsatz des Hochaltars. Zwei Anbetungsengel flankieren ein hochragendes Kruzifix. Das aus dem großen Rundfenster im Chorscheitel einfallende Licht verleiht der pyramidal gegliederten Szene den Charakter einer überirdischen Vision.
Ein noch bedeutenderes Schlüsselwerk des beginnenden Rokoko begegnet in Baltbasar Neumanns volkstümlichstem Sakralbau: der weltbekannten Wallfahrtskircbe zu Vierzehnheiligen. Die Grundidee des in die zentrale Gnadenrotunde eingestellten Baldachinaltars stammt wohl von Neumanns bedeutendem Bamberger Mitarbeiter Johann (Jakob) Michael Küchel. Ornamentale Detailplanung und technische Ausführung dieses stilgeschichtlich zukunftsweisenden “Gnadenaltars” sind hingegen das Werk des brillanten Wessobrunner Stukkateurs Johann Michael Feichtmayr, wie erst neuere, kunsthistorische Forschungen nachwiesen. Das geglückte Zusammenspiel sich komplementär ergänzender Künstlerpersönlichkeiten vereinigte sich in Vierzehnheiligen zu einem der vollkommensten Raumensembles des Barock.

Foto: Bernd Georg    [Bild vergrößern]

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Wegweisend war er, der barocke Baumeister Balthasar Neumann, der nicht nur in Franken Spuren hinterließ. Bewundern kann man seine visionäre Kunst auch im Heusenstammer Kirchen-Juwel St. Cäcilia.

Mitteilung vom:
erschienen in:

23.08.2003
Offenbach Post


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