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Stand 30. Jan. 2004

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"Plattenbau" für Ritter Martin

St. Cäcilia: Steinmetz-Spezialisten wagen sich an die Restaurierung der vom Zahn der Zeit angenagten Epitaphien


Von Marcus R e i n s c h

Heusenstamm • Sollte es in der Branche von Richard Löbig und Martin Stein je kriseln, könnten die beiden auch in der Schönheitschirurgie ihr Glück machen. Keine Kundin würde Verdacht schöpfen, wenn ihr einer der Experten vorschlägt, "Hohlstellen mit Injektionen zu hinterfüllen." Aktuell gibt es aber natürlich keinen Grund für eine berufliche Umorientierung. Die St. Cäcilia-Kirche, Heusenstamms populärster Barockbau, bietet mit ihren Nebenschauplätzen genug kosmetische Herausforderungen für die Restauratoren aus Dieburg und Karlstein. Die jüngsten Patienten sind die ältesten "Beigaben", die das Gotteshaus zu bieten hat: Epitaphien, Grablegungsplatten an den Außenmauern. Vorteil: Die wuchtigen Gebilde brauchen keine Betäubung. Steine kennen keinen Schmerz.

Bei Herbert Margraf verhält es sich schon anders. Dem Chef des Kirchen-Fördervereins tut es ebenso wie anderen Bewahrern handfester Schlossstadt-Historie weh, dem Verfall bei der Arbeit zusehen zu müssen. Noch zehn oder 20 Jahre, dann hätte der Zahn der Zeit, unterstützt von Pflege-Fehlern der Vergangenheit, die Epitaphien zu nichtssagenden Steinplatten zermahlen.
Wegsehen funktioniert also nicht. Und ist auch nicht nötig. Die Stadt eilt mit dem Geldbeutel zu Hilfe, hatte sich ursprünglich nämlich schon im 19. Jahrhundert selbst auferlegt, dem Chorraum und damit auch dessen Außenbereich finanzielle Zuneigung zuteil werden zu lassen, wenn es nötig wird. Knapp 20 000 Euro wird das vertraglich festgeklopfte Gelöbnis dieses Mal kosten - ein guter Grund für Bürgermeister Peter Jakoby, den städtischen Projekt-Begleiter Thomas Kessler und den historisch bewanderten Hauptamtschef Heinz Scherer, die "Baustelle" zu besuchen.
Als Gegenleistung gibt es die Gewissheit, dass die Epitaphien echte Hingucker für alle bleiben, die den kleinen Rundweg um das Gotteshaus offenen Auges beschreiten. Da wird dann also in einigen Monaten wieder kontrastreich zu lesen sein, welche holprigen Segenswünsche hochherrschaftliche Hinterbliebene ihren Verwandten in Stein meißeln ließen. Beispielsweise diese: "Unter diesem Stein, meinem ausgewölbten Grab, ruhet die hochgeborene Freyfrau Anna Magdalena Waltbot zu Bassenheim Wittib, gebohrne Gräfin von Metternich, Winnerburg und Beilstein, welche Anno 1697, den 1. Novembris alher zu Heussenstamm im Schloss in Gott seelig entschlaffen. Dern Epitaphium ‘Auch iech stherbe‘ zu sehen ist. Gott seye der Seelen gnädig und verleihe derselben ein fröhliche Uferstehung. Amen."
Zwei der fünf teils in Außenmauer-Vertiefungen eingelassenen Epitaphien sind so stark vom Zerfall bedroht, dass sie die nächsten Monate in den Werkstätten der Steinmetz- und Bildhauermeister verbringen müssen. Darunter auch die von Martin, Ritter von Heusenstamm. Das besonders wuchtige Exemplar konnte erst vor wenigen Jahren richtig zugeordnet werden; zuvor wurde es fälschlicherweise als Grabstein der Anna von Gemmingen, Witwe des Eberhard von Heusenstamm, gedeutet. Der Epitaph von Martins Ehefrau Elisabeth ist seit mehr als hundert Jahren in die Wand des Wirtschaftsgebäudes des Hofgutes Patershausen eingelassen und wohl auch dank der weitreichenden Befugnisse ihres Sohnes Sebastian, damals Erzbischof von Mainz, als Meisterstück erhalten.
Eine weitere Grabesplatte kann bleiben, wo sie ist, nämlich an der südlichen Chorwand, muss aber sanft gereinigt und konserviert werden. Mit Hammer, Meißel und Waschlappen ist da nichts auszurichten. Schon die Vorarbeit an den von aufsteigender Feuchtigkeit bedrohten Kostbarkeiten verlangt große Erfahrung. Vor kurzem wurden an einem Exemplar verschiedene Reinigungsstufen getestet, die mindestens zwei Farbschichten zutage brachten. Eine davon, aus weißen Resten, lässt darauf schließen, dass die Steine im Originalzustand marmoriert angelegt wurden. Mehr als vermuten lässt sich das heute allerdings nicht mehr.
Vor der Reinigung werden die Konturen der Epitaphien mit Kieselsäureester verfestigt. Bei den Steinen, die vor Ort bleiben, erfordert das Geduld bis März oder April, weil der Reaktionsprozess mindestens acht Grad Außentemperatur braucht. Danach kann die bis zu drei Millimeter dicke Farbschicht, bei einem früheren Eingriff unglücklicherweise mit Kunststoffdispersion versetzt, gelöst werden, um künftig die zerstörerische Blasen- und Schalenbildung unter der Farbe zu verringern. Später können Risse mit Epoxydharz geschlossen, lose Mörtelstellen entfernt, durch Restaurierungsmasse ergänzt und letzte Farb-Abweichungen mit mineralischem Anstrich ausgeglichen werden.
Einfach wieder hinstellen kommt danach nicht mehr in Frage. Die Epitaphien bekommen Anker aus Edelstahl, eine Durchlüftung und möglicherweise ein Dach aus Kupfer, die von Ritter Martin zusätzlich ein Podest.

Foto: Reinsch     [Bild vergrößern]


Dem Zahn der Zeit den Appetit verderben: Bürgermeister Peter Jakoby mit Bewahrern und Restauratoren an einem Epitaph im Kirchengarten von St. Cäcilia.

Mitteilung vom:
erschienen in:

27.01.2004
Offenbach Post


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