Von Marcus R e i n s c h
Heusenstamm • Sollte es in der Branche von Richard Löbig und Martin Stein je kriseln, könnten die beiden auch
in der Schönheitschirurgie ihr Glück machen. Keine Kundin würde Verdacht schöpfen, wenn ihr einer der Experten
vorschlägt, "Hohlstellen mit Injektionen zu hinterfüllen." Aktuell gibt es aber natürlich keinen Grund
für eine berufliche Umorientierung. Die St. Cäcilia-Kirche, Heusenstamms populärster Barockbau, bietet mit ihren
Nebenschauplätzen genug kosmetische Herausforderungen für die Restauratoren aus Dieburg und Karlstein. Die
jüngsten Patienten sind die ältesten "Beigaben", die das Gotteshaus zu bieten hat: Epitaphien,
Grablegungsplatten an den Außenmauern. Vorteil: Die wuchtigen Gebilde brauchen keine Betäubung. Steine kennen
keinen Schmerz.
Bei Herbert Margraf verhält es sich schon anders. Dem Chef des Kirchen-Fördervereins tut es ebenso wie anderen Bewahrern
handfester Schlossstadt-Historie weh, dem Verfall bei der Arbeit zusehen zu müssen. Noch zehn oder 20 Jahre, dann hätte der
Zahn der Zeit, unterstützt von Pflege-Fehlern der Vergangenheit, die Epitaphien zu nichtssagenden Steinplatten
zermahlen.
Wegsehen funktioniert also nicht. Und ist auch nicht nötig. Die Stadt eilt mit dem Geldbeutel zu Hilfe, hatte sich
ursprünglich nämlich schon im 19. Jahrhundert selbst auferlegt, dem Chorraum und damit auch dessen
Außenbereich finanzielle Zuneigung zuteil werden zu lassen, wenn es nötig wird.
Knapp 20 000 Euro wird das vertraglich festgeklopfte Gelöbnis dieses Mal kosten
- ein guter Grund für Bürgermeister Peter Jakoby, den städtischen
Projekt-Begleiter Thomas Kessler und den historisch bewanderten Hauptamtschef
Heinz Scherer, die "Baustelle" zu besuchen.
Als Gegenleistung gibt es die Gewissheit, dass die
Epitaphien echte Hingucker für alle bleiben, die den kleinen Rundweg um das
Gotteshaus offenen Auges beschreiten. Da wird dann also in einigen Monaten
wieder kontrastreich zu lesen sein, welche holprigen Segenswünsche
hochherrschaftliche Hinterbliebene ihren Verwandten in Stein meißeln ließen.
Beispielsweise diese: "Unter diesem Stein, meinem ausgewölbten Grab, ruhet
die hochgeborene Freyfrau Anna Magdalena Waltbot zu Bassenheim Wittib, gebohrne
Gräfin von Metternich, Winnerburg und Beilstein, welche Anno 1697, den 1.
Novembris alher zu Heussenstamm im Schloss in Gott seelig entschlaffen. Dern
Epitaphium ‘Auch iech stherbe‘ zu sehen ist. Gott seye der Seelen gnädig und
verleihe derselben ein fröhliche Uferstehung. Amen."
Zwei der fünf teils in Außenmauer-Vertiefungen eingelassenen
Epitaphien sind so stark vom Zerfall bedroht, dass sie die nächsten Monate in
den Werkstätten der Steinmetz- und Bildhauermeister verbringen müssen. Darunter
auch die von Martin, Ritter von Heusenstamm. Das besonders wuchtige Exemplar
konnte erst vor wenigen Jahren richtig zugeordnet werden; zuvor wurde es
fälschlicherweise als Grabstein der Anna von Gemmingen, Witwe des Eberhard von
Heusenstamm, gedeutet. Der Epitaph von Martins Ehefrau Elisabeth ist seit mehr
als hundert Jahren in die Wand des Wirtschaftsgebäudes des Hofgutes
Patershausen eingelassen und wohl auch dank der weitreichenden Befugnisse ihres
Sohnes Sebastian, damals Erzbischof von Mainz, als Meisterstück erhalten.
Eine weitere Grabesplatte kann bleiben, wo sie ist, nämlich
an der südlichen Chorwand, muss aber sanft gereinigt und konserviert werden.
Mit Hammer, Meißel und Waschlappen ist da nichts auszurichten. Schon die
Vorarbeit an den von aufsteigender Feuchtigkeit bedrohten Kostbarkeiten
verlangt große Erfahrung. Vor kurzem wurden an einem Exemplar verschiedene
Reinigungsstufen getestet, die mindestens zwei Farbschichten zutage brachten.
Eine davon, aus weißen Resten, lässt darauf schließen, dass die Steine im
Originalzustand marmoriert angelegt wurden. Mehr als vermuten lässt sich das
heute allerdings nicht mehr.
Vor der Reinigung werden die Konturen der Epitaphien mit
Kieselsäureester verfestigt. Bei den Steinen, die vor Ort bleiben, erfordert
das Geduld bis März oder April, weil der Reaktionsprozess mindestens acht Grad
Außentemperatur braucht. Danach kann die bis zu drei Millimeter dicke
Farbschicht, bei einem früheren Eingriff unglücklicherweise mit
Kunststoffdispersion versetzt, gelöst werden, um künftig die zerstörerische
Blasen- und Schalenbildung unter der Farbe zu verringern. Später können Risse
mit Epoxydharz geschlossen, lose Mörtelstellen entfernt, durch
Restaurierungsmasse ergänzt und letzte Farb-Abweichungen mit mineralischem
Anstrich ausgeglichen werden.
Einfach wieder hinstellen kommt danach nicht mehr in Frage.
Die Epitaphien bekommen Anker aus Edelstahl, eine Durchlüftung und
möglicherweise ein Dach aus Kupfer, die von Ritter Martin zusätzlich ein
Podest.
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