Heusenstamm (schu) Ob die Verheißung von "Vivaldi-Musik bei Kerzenschein" oder
die Ankündigung der "Vier Jahreszeiten" bewirkte, dass die Pfarrkirche St.
Cäcilia schon eine halbe Stunde vor Konzertbeginn fast bis zum letzten Platz gefüllt
war, während Orgelkonzerte meist nur einen kleineren Kreis von Kennern und Liebhabern
anlocken?
Das erste Versprechen konnte man wohl aus Brandschutzgründen im barocken Kleinod nicht
ganz einlösen. Doch gehören die "Jahreszeiten" zu jenen zugkräftigen
Klassik-Hits, die jeder kennt, selbst wenn er mit deren Komponisten, historischen
Zusammenhängen und formalen Begriffen nichts am Hut hat. Detlef Steffenhagens inzwischen
auch auf CD verbreitete Orgelversion war im vorigen Jahr in der evangelischen Kirche auf
einem elektronischen Instrument zu hören. Diesmal durfte die Orgel von St. Cäcilia
zeigen, welche Raffinessen ein Virtuose aus ihr herausholen kann.
Steffenhagen, ehemals Organist an der Frankfurter Johanniskirche und neuerdings in
Brasilien ansässig, wandelte mit seiner Orgelbearbeitung gewissermaßen auf Bachs Spuren,
denn schon dieser hatte als junger Weimarer Hofmusikus die brandneuen Violinkonzerte
seines venezianischen Kollegen für Tasteninstrumente transkribiert.
Eine von Bachs Nachschöpfungen für Orgel stellte Steffenhagen vor: Vivaldis frühes
a-moll Doppelkonzert. Mit ihrem Klangfarbenreichtum ist die Orgel zweifellos das
geeignetste Instrument für eine solche "Übersetzung". Den Dialog der beiden
Geigenstimmen, die Kontraste zwischen Soli und Tutti, den charakteristischen Belcanta des
langsamen Mittelsatzes kann der Organist durch seine Registrierung glänzend in Szene
setzen, und Steffenhagens Spiel ließ hier weder an Geläufigkeit noch an Phantasie etwas
zu wünschen übrig.
Vivaldis vier Concerti Le quattro stagioni sind programmatische Musik. Zur Erläuterung
des Inhalts hat der Komponist jedem einzelnen Satz ein wohl selbst gedichtetes Sonett
beigefügt, das Steffenhagen jeweils in deutscher Version vorlas. Die farbig registrierten
Stimmungen und Naturszenen ließen sich auch bei unbefangenem Hören leicht
nachvollziehen. Da zwitscherten im Frühling die Vögel, tönte in betörendem Vibrato die
Hirtenschalmei, tanzten zur Begleitung von Bordunbässen die Schäfer, Nymphen und Bauern
derbe Tänze. Es dröhnte im Sommer das Gewitter, riefen die Hörner zur herbstlichen
Jagd, tobten Winterstürme und klapperten im Forte die Zähne.
Für den enthusiastischen Beifall bedankte sich der Orgelvirtuose stilbewusst mit der
populären rauschenden d-moll Toccata des jungen Bach sowie mit "Rule
Britannia", der Nationalhymne der Londoner "Proms", und mit
Paganini-Variationen auf dem Pedal.
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erschienen in: |
25.10.2000
Heusenstammer Stadtpost |
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