Heusenstamm (schu) - Viele vorzügliche Musiker hat der Fördervereins-Vorsitzende Herbeft
Margraf schon für die BalthasarNeumann-Konzerte in St. Cäcilla verpflichtet, doch noch
nie einen so illustren Gast wie Peter Schreier. Ganz ohne auswärtige Hilfe war dies
allerdings nicht gelungen; Landrat Peter Walter hatte unter anderen die Hand im Spiel.
Die Kirche war nicht so brechend voll, wie man bei diesem Künstlernamen erwartet hätte.
Viele Musikfreunde konnten sich unter den angekündigten Liedern und Arien aus dem
Schemelli-Gesangbuch nichts Genaues vorstellen. Leider brachte das Programmheft auch für
das Publikum, das des großen Lied-, Oratorien und Opernsängers wegen gekommen war,
neben bombastischen Künstlerbiografien keinerlei dem Werkverständnis dienliche
Information.
Zwecks promotion des 1736 erschienenen Gesangbuchs war der angesehene
Leipziger Musikdirektor Bach vom Herausgeber Schemelli zur Mitarbeit gebeten worden. Sein
kompositorischer Anteil besteht hauptsächlich in der Auszierung der meist älteren
Melodien und in der Bearbeitung der Begleitung, die den früheren Sätzen weit überlegen
ist. Nur ganz wenige der 69 Melodien hat er selbst beigesteuert, und darüber ist man
keineswegs sicher, denn Komponisten blieben in Gesangbüchern meist anonym. Die nicht für
Kirchengemeinden, sondern zu häuslicher Erbauung bestimmte Sammlung ist naturgemäß nach
religiösen Themen geordnet.
Schreier hielt sich bei seiner Auswahl im wesentlichen an diese Reihenfolge und sang
jeweils zwei bis drei Strophen. So war er durch den Wechsel der Stimmungen und Charaktere
der zugleich stilistisch unterschiedlichen Stücke vor eine nicht leichte Aufgabe
gestellt. Als Lied- und Ariengestalter par excellence erwies er sich auch bei diesem
Repertoire aus galanter, schlichter oder barock schwülstiger Lyrik. Von beseelter
Innigkeit bis zu fein ausgefeilter Dramatik beherrschte er die sängerische Palette. Er
vermittelte glaubhaft die religiöse Aussage und nahm dem teilweise pietistischen
Überschwang jede Peinlichkeit. Unnötig zu betonen, dass die Artikulation vorbildlich
war. Noch immer besticht die Stimme durch ihr schlankes und warmes Timbre.
Zur letzten Vollkommenheit aber verhalf der Interpretation Hansjörg Albrecht als
Begleiter an Orgelpositiv oder Cembalo. Sicher in Stilempfinden und Kenntnis barocker
Aufführungspraxis, die weitgehend dem Spieler überlassen ist, improvisierte er den
Begleitpart für jedes Lied individuell. Beide Künstler waren ein eng aufeinander
eingespieltes Duo. Albrecht, ebenso wie Schreier ehemaliger Kreuzchorschüler und als
Cembalist und Organist international tätig, bereicherte das Programm mit der
Chromatischen Fantasie und Fuge, auf dem Cembalo überaus virtuos gespielt.
Es-Dur-Präludium und Fuge für Orgel, die wegen der Dreizahl ihrer Themen als
Versinnbildlichung der Dreifaltigkeit gedeutet werden, gestaltete er abwechslungsreich und
mit plastischem Spiel. Nach Bachs Vorbild in dessen Publikation der so genannten
Orgelmesse voneinander getrennt an Anfang und Schluss gestellt, bildeten sie einen
glanzvollen Rahmen für die geistlichen Gesänge.
Die beiden Musiker wurden mit anhaltendem Beifall und stehendem Beifall gefeiert und
bedankten sich mit dem innigen Lied Bist du bei mir aus dem Notenbüchlein der
Anna Magdalena Bach.
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