Heusenstamm (schu) Auch für ein schon renommiertes, aber noch junges Ensemble wie den
Motettenchor Frankfurt gehörte Mut dazu, dem reichhaltigen Angebot an teilweise
hochkarätigen Aufführungen der Johannes-Passion in der Region eine weitere
hinzuzufügen. Für Musiker und Publikum hat sich diese Einstudierung gelohnt.
Bemerkenswert war sie nicht nur wegen ihrer künstlerischen Qualität, sondern auch durch
die Beteiligung der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg, weshalb das Konzert im
Rahmen der Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen unter der Schirmherrschaft des
Bundespräsidenten und des russischen Präsidenten stand.
Die Passion, die ihre ursprüngliche Funktion als Bestandteil des
Karfreitagsgottesdienstes verloren hat und ins weltliche Konzertleben eingegangen ist,
kehrte in Heusenstamm zwar nicht am Karfreitag doch zufällig genau am Tag ihrer zweiten
Aufführung vor 278 Jahren in die Kirche als den in ihr angemessenen Rahmen zurück. Dass
diese Musik Gottesdienst ist, daran erinnerten bewegende Begrüßungsworte von Sixta
Thomas als Vertreterin des gastgebenden Fördervereins St. Cäcilia, die mit einem Gebet
zur aktuellen - Kriegssituation schlossen. Man kann von hier aus eine weitere Brücke
schlagen: zum erstenmal führte Bach die Johannespassion in St. Nicolai zu Leipzig auf,
der Kirche, in der heute wie zur Zeit der Wende die Macht des Gebets erprobt wird.
Bei den Interpreten der Bach-Passionen haben sich gewissermaßen zwei Fraktionen gebildet.
die sich an historischer Aufführungspraxis orientierenden Gruppen und die durch
größeren Chor und gewohnte Instrumente modernen Hörgewohnheiten entsprechenden
Ensembles, die im besten Fall von den Erkenntnissen der historisch orientierten Richtung
gelernt haben.
Die Aufführung von Thomas Hanelts Motettenchor gehörte zur zweiten Kategorie. Doch hob
sie schon die mittelgroße Besetzung von der spätromantisch geprägten Bombastik
früherer Jahrzehnte ab, Die Durchsichtigkeit, die vor allem die auch hier mit virtuoser
Geschwindigkeit vorgetragenen polyphonen Chöre erfordern, war fast durchweg
gewährleistet. Einen Mittelweg hielt Hanelt auch bei den Chorälen ein. Ohne zu
romantisieren, ließ er durch feine Nancierung der Textdeutung Raum.
Die Vokalsolisten tendierten teilweise eher dazu, am Passionsdrama die opernhafte
Komponente herauszuarbeiten. Johannes Greten war als Evangelist ein hochdramatischer und
stimmlich wandlungsfähiger Erzähler. Klaus Basten verkörperte einen königlich
erhabenen Jesus. Das Oratorientimbre war mit Erich Bieri in den Partien des Petrus und
Pilatus und der Bass-Arien vertreten, ebenso mit dem schlanken Tenor von Alexander
Bassermann. Vorzüglich gestaltete auch die Altistin Gabriele Wunderer. Mit barocker
Leichtigkeit kam jedoch die Sopranistin Benedicte Tauran dem Stil des Werks am nächsten.
Die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg erwies sich akkompagnierend und solistisch
als gute Partnerin.
Die Pause nach dem Schlusschoral zeigte die künstlerische und religiöse Wirkung der
Aufführung, bevor dann das Publikum in der vollbesetzten Kirche die Musiker mit
anhaltendem Beifall feierte.
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