Heusenstamm (schu) - Dank einer neuen länderübergreifenden Kulturinitiative finden
Konzerte verschiedenster Stilrichtungen von Juni bis September an historischen Stätten im
Rhein-Main-Gebiet statt und sind unter dem Reihentitel Rhein-Main-Classic
zusammengefasst. In der Heusenstammer Rokokokirche war Kammermusik vom Potsdamer Kreis um
den Preußenkönig Friedrich und von J. 5. Bach zu hören. Vier Mitglieder des von dem
Belgier Ph. Herreweghe geleiteten Orchestre des ChampsElysées, eines der
Spitzenensembles für die Pflege älterer Musik mit authentischer Aufführungspraxis,
hatten sich zusammengetan, um Triosonaten mit Flöte und Violine und Flötensonaten auf
Barockinstrumenten zu spielen. Zu welch lebendiger Kunst sich die früher gern als
blutleere Gelehrsamkeit belächelte historische Aufführungspraxis mittlerweile entwickelt
hat, war vom ersten Satz an zu erkennen und zu genießen. Kantabel, gelassen, mit
sensibler Klangrede und intensiv miteinander korrespondierend spielten der Flötist
Mathias von Brenndorff und der Geiger Andreas Preuss eingangs Bachs viersätzige
G-Dur-Triosonate BWV 1038. Zuverlässige und gleichsinnige Partner waren Herman Stinders
am Cembalo und Harm Jan Schwitters als Continuo-Cellist, dieser mit besonders
temperamentvollen Einsatz.
Von Friedrichs Hofkomponisten, dem Flötenmeister Johann Joachim Quantz, und vom Potsdamer
Hofcembalisten Carl Philipp Emmanuel Bach sind ihre musikästhetischen und
spieltechnischen Lehrbücher heute eher bekannt als ihr umfangreiches Musikschaffen, und
auch die über 100 Flötenkompositionen des preußischen Kronprinzen und späteren Königs
schlummern in Bibliotheken. Um so reizvoller war es, Kammermusik dieses Dreigestirns
kennen zu lernen, und dies in Gegenüberstellung zu Werken des Vaters Bach, die bei der
jüngeren Generation damals als veraltet galten und die doch die ihrigen bis heute
überlebt haben. Stilsicher interpretierten die vier Musiker die zwischen strenger
Schreibart und galantem Geschmack vermittelnde G-dur-Flötensonate von Quantz. Auch bei
der Sturm- und Dranghaften, seufzerbeladenen Triosonate Wotqu 145 des zweitältesten
Bachsohns und der empfindsamen c-moll-Sonate Friedrichs des Großen wurden sie dem
ästhetischen Anspruch dieser Zeit zwischen Barock und Klassik gerecht, dass Musik vor
allem Ausdruck der inneren Empfindung sein soll. Dass die schnellen Sätze mit makelloser
Virtuosität und selbst bei rasanten Verzierungen und rhythmischen Kapriolen mit perfektem
Zusammenspiel bewältigt wurden, braucht kaum erwähnt zu werden.
Eine spannungsvolle Steigerung erreichte das Quartett noch mit Bachs Triosonate BWV 1039.
Neben der ausdrucksvollen Linie des Eingangssatzes und dem alle Instrumente virtuos
fordernden Presto gefiel besonders das jede Süßlichkeit vermeidende, mit geschmackvoller
Zurückhaltung gespielte Adagio im italienischen Stil.
Die zahlreichen Musikliebhaber, die sich von der Rekordhitze nicht hatten abschrecken
lassen, honorierten das Konzert mit begeistertem Beifall und erhielten zum Dank eine
Zugabe aus einer Triosonate von Quantz.
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