Heusenstamm (schu) - Virtuosen auf Klaviertasten, Saiten und Rohren kann man auf dem
Konzertpodium beobachten, doch wann hat der Hörer schon Gelegenheit, dem auf die Empore
entrückten Organisten auf die Finger oder in die Noten zu schauen? Der Mainzer
Domorganist Albert Schönberger verschaffte dem Publikum in St. Cäcilia mit Hilfe einer
Video-Übertragung diesen sowohl lehrreichen als auch ästhetischen Genuss.
Die Abendmusik, veranstaltet im Rahmen der Fördervereinskonzerte und der Reihe
Domorganisten in Hessen innerhalb des Kultursommers Südhessen, stand unter
dem Motto Hören - Schauen - Erleben. Der Musiker führte selbst durch das
Programm, auch hier im Blickkontakt mit dem Publikum, und gestaltete das Konzert als
Abendandacht.
Der Himmel muss barock sein, zitierte er den Ausruf eines Freundes beim
Anblick eines barocken Kirchenraums, und nicht nur die Harmonie von Bild- und Klang-Kunst
in St. Cäcilia gab ihm recht, sondern auch der immer wieder eingeblendete Bildausschnitt
mit Engeln, die zum himmlischen Licht emporfliegen. Das Thema Licht war denn auch der rote
Faden des Programms.
Dieses Thema schlug zuerst der Choral Liebster Jesu, wir sind hier an, dessen
dritte Strophe das Licht besingt. Der Bachschüler J. L. Krebs nahm es zur Vorlage für
ein Trio, das Schönberger bearbeitet hat. Für ein Orgelwerk in eine Uhr
komponierte Mozart sein Andante KV 618a und die dreisätzige Phantasie f-moll. Er war
passionierter Orgelspieler, der Bewunderung erregte, und könnte die kontrapunktisch
kunstvolle Phantasie wohl ebenso fulminant auf einer Königin der Instrumente gespielt
haben wie Schönberger, der immer neue Klangfarben hervorzauberte. Ein Präludium in
strahlendem C-Dur von J. Ch. Kellner, einem älteren Mozart-Zeitgenossen, war
vorausgegangen.
Während bei Mozart auch Trauer durchschien, vermittelte die Cantilene aus Rheinbergers
11. Orgelsonate Ruhe und Zuversicht. Traditionslinien führen sowohl von Bach als auch von
Mozart zum Thüringer Bach-Enkelschüler Ch. H. Rinck, der in Darmstadt wirkte und als
größter Orgelspieler seiner Zeit galt. Als Mozartverehrer erwiesen ihn ein Trio in C-Dur
und ein Floeten-Concert in f mit geschickter Übertragung der Konzertform auf
die Orgel.
Schrecken des Krieges beschwört der Holländer Cor Kee in seinen Choralvariationen über
das barocke Freiheitslied Merck toch hoe sterck. Es entstand nach der
Verteidigung des brabantischen Bergen op Zoom 1622 gegen spanische Truppen. Die gemäßigt
modernen Variationen verdeutlichen klangmalerisch die dort geschilderten Vorgänge, auch
Angst, Hoffnung, Rettung und Dankgebet, eine Herausforderung an fantasievollen
Registereinsatz und technisches Können.
Nach der bekannten Badischen Choralbearbeitung Jesu bleibet meine Freude
improvisierte Schönberger schließlich über das Kirchweihlied Ein Haus voll Glorie
schauet, Hommage an St. Cäcilia und das Kirchweihfest, zugleich
Begrüßungsgeschenk für den neu eingeführten Pfarrer Anton Sauer und Pastoralreferentin
Gabriele Panning.
Obwohl nur ein spärlicher Teil des sonstigen Orgelkonzert-Publikums an dem
außergewöhnlichen Musikerlebnis teilgenommen hatte, bedankte sich der Meister des
Orgelspiels und der Improvisationskunst für den anhaltenden Beifall mit einer
Improvisation über Lobet den Herren.
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