Das Wort zur Woche

Stand: 02. April 2010

 

Kreuzverehrung - wider die Gewöhnung

Liebe Schwestern und Brüder,
wir Menschen gewöhnen uns an vieles - sogar an das Kreuz haben wir uns gewöhnt. Als Schmuck, in den Wohnungen, als Feldkreuze - eben als selbstverständliches Symbol der Christen. Erst wenn muslimische Gelehrte sagen, dass das Kreuz für sie unerträglich ist oder ungläubige Eltern dagegen klagen, dass man so etwas Schreckliches wie das Kreuz ihren Kindern doch nicht zumuten kann, da halten wir inne und merken: so selbstverständlich ist das Kreuz gar nicht. Im Übrigen auch für die Christen selber nicht. In den ersten Jahrhunderten sah man das Kreuz als Schande und verdrängte es so gut es eben ging. Erst nach der Konstantinischen Wende und dann mit dem Konzil von Ephesus im Jahre 431 wurde das Kreuz offiziell das Zeichen der Christen.
Es hat eben Zeit gebraucht, um annähernd zu verstehen, was das Kreuz bedeutet. Zu akzeptieren, dass gerade das Kreuz der Ort ist, wo anschaubar wird, wie Gott ist. Einen ersten Zugang dazu bietet der berühmte Hymnus des Philipperbriefs: Er - Christus - entäußerte sich und wurde wie ein Sklave. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod. Genau das geschieht am Kreuz: es ist der Ort, wo sich Christi Liebe für uns am deutlichsten zeigt. Sein ganzes Leben war Hingabe - und am Kreuz gibt er dieses Leben hin.
Aber das Kreuz lässt uns nicht nur auf den Tod schauen. Kreuz, das heißt zugleich auch: Verrat und Verleugnung, Hohn und Spott, Qualen des Leibes und der Seele und schließlich auch die Erfahrung der Gottesferne! So verdichtet sich im Kreuz alle Bosheit und Schuld der Welt. Jesus - der Schuldlose - trägt es ans Kreuz und zeigt unüberbietbar die ganze Macht des Bösen. Wenn wir Menschen auf das Kreuz blicken, so erkennen wir daran auch unseren Hass und Neid, unsere Aggression und Rücksichtslosigkeit. All die Sünden gegen Wehrlose und Abhängige, auch all das was Missbrauch heißt und bedeutet.
Das Kreuz ist aber nicht nur ein Zeichen für Bosheit und Schuld, sondern auch für die Vergeblichkeit und Ohnmacht des menschlichen Lebens. So sehr wir uns bemühen, das Leben immer angenehmer zu gestalten: es bleiben Leiden, Verzweiflung, nicht gelebte Träume, Angst, Vergeblichkeiten, Schuld, Versagen und schließlich der Tod. Das menschliche Leben wird immer fragmentarisch sein. Auch dafür steht das Kreuz. Es scheint uns also hinzuführen zum Nullpunkt, es scheint Ausdruck all dessen zu sein, was wir fürchten.
Nullpunkt Kreuz! Und genau hier setzt Gott einen neuen Anfang. Indem er selbst in seinem Sohn Jesus freiwillig alles Negative trägt, wandelt er es zugleich und nimmt aller Schuld und selbst dem Tod die Macht. In der Johannespassion - die wir gehört haben - ist das Kreuz nicht nur das Zeichen des Todes, sondern des Sieges und der Verherrlichung. Das Holz des Kreuzes wird zum Baum des Lebens. Natürlich: Johannes sieht das Kreuz schon im Lichte der Auferstehung. Erst in ihrer Einheit können wir beides recht verstehen.
Nur so macht die Kreuzverehrung, das zentrale Element der Karfreitagsliturgie, Sinn. Wir verehren nicht das Zeichen des Todes, sondern des Lebens. Und sagen dem gekreuzigten Herrn: In deinem Kreuz beschlossen liegt meine Hoffnung und Zuversicht, in deinen Wunden ist auch mein Leben geborgen.

Liebe Schwestern und Brüder,
sich nicht einfach an das Kreuz gewöhnen, sondern neu und immer wieder erstaunt hinblicken auf Den, der sich für uns dahingegeben hat. Dass uns dies gelingt, dabei hilft die Liturgie durch den Ritus der Enthüllung des Kreuzes. So wollen wir das Kreuz unseres Herrn und Ihn selber ehren. Nachher bei der Kreuzverehrung und durch unser ganzes Leben.
AMEN

Ihr

Martin Weber
Pfarrer